Meine erste Videokamera erwarb ich 2001: die Canon XM1. Damals waren die 720x576 Pixel auf einem 3CCD Sensor neuester Stand der Technik. Dieser als PAL bezeichnete Video-Standard war die Norm, die mein Studium im Medium Film zu dieser Zeit prägte.
Langsam began sich dazu ein neuer Standard zu etablieren. Mit 1920x1080 Pixeln wirkte HD wie ein riesiger Schritt nach vorn. Wir fragten uns damals, welche Technik soll bitte sooo viele Pixel vearbeiten können? Dementsprechend groß und teuer waren auch die neuen Video-Kameras: wuchtige Schulterkameras mit dem Preis eines Kleinwagens.
Parallel dazu passierte ein weitere Revolution. Digitale Fotoapparate wurden besser, billiger und erreichten bald die Qualität ihrer analogen Vorgänger. Ihre Auflösungen lagen weit über 4K, jedoch blieben sie so klein und handlich wie schon früher und arbeiteten mit der alten Sensorgröße - 35mm - was den Fotos den von damals gewohnten Filmlook gab und der bis dahin Videokameras völlig fehlte: unscharfe Hintergründe, etwas das Filmemacher bei Videokameras stark vermissten.
2008 passierte deshalb etwas, das einem Erdbeben in der Filmproduktionswelt gleich kam. Canon veröffentlichte den digitalen Nachfolger der analogen 5D - die 5D Mark II, die einen Vollformatsensor besaß und damit auch die lichtstarken Vollformat-Objektive unterstütze. Jedoch neben der Standardfunktion von hochwertigen Fotos baute Canon zusätzlich die Möglichkeit ein, Videos aufzuzeichnen und zwar im vollen HD Format trotz des kleinen Gehäuses. Ein Hybrid aus beiden Welten mit allen Benefits, die damals denkbar waren. Und sie bekam einen kleinen Bruder: die 7D, die mit kleinen Kompromissen beim Sensor preislich in die Reichweite von Indie-Filmern gelangte (der 7D Body kostete 2010 ungefähr 1000 Euro). Damit veränderte dieses Duo die gesamte Filmlandschaft.
Die halbe Welt stürzte sich auf diese beiden Kameras. Auf der Edit 2009 in Stuttgart wurde ein Seminar im Hauptkinosaal der Auswertung dieser Kameras gewidmet und mit allen Flagschiffen der Konkurrenz verglichen, was ich damals ziemlich beeindruckend fand. Menschen, die heute etablierte Filmemacher sind, starteten damals mit der 7D und drehten ihre ersten Musikvideos. Kinolook wurde plötzlich möglich für alle, die kreativ sein wollten.
2010 war für mich damit völlig klar: die 7D wird meine nächste Kamera sein. Doch die Kamera allein war nur der Anfang. Hinzu kommen Objektive, Filter, Wechselakkus, Speicherkarten, Vorschaumonitor, Schulter- und Handrig und ein PC, der das HD-Material verarbeiten kann. Und hier hatten wir einfach Glück. Das Stipendium des Lindenau Museums in Altenburg ermöglichte es uns, diesen Schritt mühelos zu gehen und somit eine echte kleine Filmproduktion zu starten.
Da die Kamera ja wie ein klassischer Fotoapparat funktionierte, konnten wir auch die Linsen alter Praktika-Fotoapparate benutzen. Enrico Scholz, selber Fotograf, brachte mich auf die Idee und verhalf mir gleich dazu noch zu dem passenden Adapter. Somit konnten wir die lichtstarken Festbrennweiten aus Familien- und Freundeskreis zu unserem Equipment hinzufügen, was uns weitere ungeahnte Möglichkeiten bei wenig Licht gab. Ich erinnere mich noch, wie Matthias und ich die Kamera mit Livebild am Laptop bei Kerzenlicht testeten. Wir waren wirklich erstaunt, wie hell und klar das Endbild aussah. Damit hatte keiner von uns gerechnet. In dem Moment war klar, wir würden "Draußen" ohne großes Lichtequipment abdrehen können.
Durch die Optik dieser alten Linsen und ihr starkes Licht gelang es uns, dem Film einen zusätzlichen Oldschool-Look zu verleihen und damit zusätzlich das clean-digitale Bild aufzubrechen. Sie führten an den Rändern des Bildes zu einer leichten chromatischen Aberration und hatten durch ihre individuellen Blendenverschlüsse sehr eigene Bokehs. Ich glaube unser Kameramann Matze hatte sich förmlich in ihren Look verliebt.
Mit einem solchen Setup konnten wir im Sommer 2010 wirklich sehr flexibel arbeiten. Die Technik war schnell eingerichtet, längere Kamerafahrten durch unwegsames Gelände wurden per Hand möglich. Überhaupt wirkte die Kamera wie befreit. Früher war es undenkbar, mit diesen riesigen Highend-Geräten im Auto zu drehen, ohne vorher den Beifahrersitz auszubauen. Heute wirken sie durch Gimbal-Stabilisierung als würden sie mühelos durch Häuser, Straßen und manchmal auch Wälder fliegen.
Deshalb behielten wir auch nach dem "Draußen"-Dreh diese Kamera und den an sie angepassten Workflow weiter. Auf Grundlage dieser Technik haben wir in den darauffolgenden Jahren eine komplette kommerzielle Filmproduktion aufgebaut - bellmannmedia. Heute nutzen wir mit der Panasonic Lumix S1H eine Kamera, die in ihrer Handhabung immernoch genauso funktioniert, wie die 7D - ein Fotoapparat, der jedoch eher zum Filme drehen konzipiert und gebaut ist und der perfekt mit vorhandenem Zubehör wie Stative, Gimbal oder Handrig kombiniert werden kann. Un der inzwischen 6K Material aufnimmt.